Kunst

Am klarsten formulierten ihre Absicht mit dem Fach Kunsterziehung
die Bildungsplaner im Jahre 1900:
Dem künftigen Techniker, Naturwissenschaftler oder Ingenieur muss ein
fachgerechtes und für das Studium nützliches Zeichnen beigebracht
werden.
Also begann man in der Unterstufe mit dem säuberlichen Darstellen von
Ornamenten, zeichnete in der Mittelstufe mathematische Grundkörper und
einfache Gebrauchsgegenstände und studierte in der Oberstufe die Gesetze
der Parallel- und Zentralperspektive, erlernte Technisches Zeichnen und Darstellende
Geometrie, übte sich im Abbilden von Architekturteilen und Gipsabgüssen
und durfte schließlich in gewissem Umfang auch nach der Natur arbeiten.
Nach der Brutalität des Krieges und der unseligen Einflussnahme der nationalsozialistischen
Propaganda auf das Kunstgeschehen in Deutschland wurde das Fach Kunsterziehung
ganz gezielt als sogenannter "musischer Ausgleich" zu den verstandesbetonten
Lern- und Hauptfächern realisiert. Diese Ausprägung verdankte es
auch den Umstand, dass jetzt die Zeichenlehrer an der Kunstakademie ausgebildet
wurden.
Durch die Reform der Oberstufe (Einführung der Kollegstufe) wurde auch
das Fach Kunst aufgewertet, indem es -gleichgestellt mit anderen wissenschaftlichen
Fächern- auch als Leistungskursfach angeboten und gewählt werden
konnte.
Wie soll nun die Zukunft des Faches Kunsterziehung aussehen?
Nach wie vor ist die pädagogische Wirksamkeit der Kunsterziehung dort
unbestritten, wo bei der Ausformung einer Persönlichkeit die Mittel anderer
Fächer nicht greifen. Gemeint ist hier die subtile Hilfestellung beim
Entdecken von grundsätzlich in jedem Menschen angelegter kreativer Begabung
für irgendeinen Bereich des Bildnerischen. Gemeint ist vor allem ein
rücksichtsvolles Eingehen auf alle individuellen Spielarten dieser Veranlagung
und die psychologischen Ursachen für deren Auslösung. Gemeint ist
auch eine behutsame Pflege und Förderung dieser Fähigkeit durch
gemäße Aufgabenstellungen ohne Leistungsdruck und unter ständigem
Hinweis auf die Laienhaftigkeit der erzielten Ergebnisse. Der Schüler
soll letztlich einen Teil seines Wesens erkennen lernen, der ohne das Einwirken
des Kunsterziehers brach liegen bliebe und in seiner Einmaligkeit nicht entdeckt
würde.